Schultze-Gallera 

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Personen der Heimatgeschichte

Siegmar von Schultze-Galléra - ein Name, der heutzutage leider vielen Menschen unbekannt ist. Dabei galt der Mann zu Lebzeiten als einer der bedeutendsten Stadtchronisten and Heimatforscher Halles. Mit seinem umfangreichen Werk lieferte er einen bedeutungsvollen Beitrag zur Aufdeckung der Vergangenheit unserer Umgebung. Kaum einer, der sich intensiver mit der Geschichte Halles und des Saalkreises befasst, kann Schultze-Galléras Schriften übergehen. Wer war dieser Mann, und worin liegt noch heute die Bedeutung seines Lebenswerkes?

Bild:
Dr. Siegmar Baron von Schultze-Galléra
Zeichnung von Emil Stumpp.
(Mit Erlaubnis des Verlages der „Halleschen Nachrichten“)

Biografie

Eigentlich hieß er Siegmar Schultze. Durch spätere Namensadoption wurde daraus Siegmar Baron von Schultze-Galléra. Er wurde am 6. Januar 1865 in Magdeburg geboren. Sein Vater war Leiter der Kommunalaufsicht im Regierungspräsidium in Magdeburg und stammte aus dem Saalkreis. Seine Mutter war die Tochter eines Bildhauers vom Bodensee, der im Magdeburger Dom und andere Gebäude restaurierte. Er hatte zwei Geschwister. 1874 legte er die Aufnahmeprüfung am Pädagogium "Unser Lieben Frauen" ab. Nach glänzend bestandenem Abitur verließ er 1884 seine Heimatstadt und übersiedelte nach Halle, um im Sinne der Familientradition den Beruf eines Oberlehrers zu ergreifen. Zu diesem Zweck nahm er ein Stadium in Germanistik und Literatur auf. Das Probejahr für den Schuldienst absolvierte er am hallischen Stadtgymnasium. 1887/88 promovierte er im Fach Germanistik. Schultze-Galléra ging danach nicht in den Schuldienst, er blieb an der Universität, wollte habilitieren, strebte eine akademische Laufbahn an. Nach drei Jahren Lehrbefugnis an der Universität begann er zu schreiben. 1892 konnte er die Habilitation zum Privatdozenten mit Auszeichnung ablegen. Von 1892 bis 1932 hatte er die Stelle eines Privatdozenten für Neuere und Moderne Literatur an der Universität Halle inne. 1893 heiratete er Lazy Lözius, deren Familie das spätere Walhalla-Theater am Steintor gehörte. Sie gebar ihm drei Söhne und zwei Töchter. Von 1896 bis 1899 hielt er sich zwecks Studium des Schaffens Goethes in Weimar auf. Nach seiner Rückkehr nach Halle kaufte er das Haus Friedensstral3e 14. Mit seiner Schrift über die innere Entwicklung des jungen Goethe hatte er wenig Erfolg. Das Werk wurde von der Fachwelt abgelehnt. Seine Berufung zum Professor blieb aus. So blieb er sein Leben lang Privatdozent. Ab 1910 wandte er sich von der Germanistik ab und konzentrierte sich auf sein Interessengebiet Geschichte. Hier endlich hatte er Erfolg, den er sich immer erhofft hatte. 1912 erschien sein erstes heimatgeschichtliches Werk "Geschichte des Saalkreises". 1919 nahm er einen erneuten Ortswechsel nach Nietleben in die Eislebener Straße 70 vor, wo er bis zu seinem Lebensende wohnte. 1941 erkrankte er schwer. Schultze-Galléra starb am 15. September 1945. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Granauer Friedhof

Der Mensch Schultze-Galléra

Schon als Kind wurde er im Sinne preußischer Zucht und Ordnung erzogen. Werte wie Pünktlichkeit, Sauberkeit und Sparsamkeit spielten in seinem ganzen Leben eine große Rolle. Großen Einfluss auf seine Entwicklung übte die Großmutter aus, die ihm immer wieder Geschichten über die Vorfahren seiner Familie erzahlte. In der Schule gehörte er zu den besten Schülern und zeigte schon frühzeitig eine dichterische Ader. Die Vorliebe für Ausflüge zu historischen Stätten und Heimatgeschichte hatte er von seinem Vater. Schon als Student unternahm er zahlreiche Exkursionen in den Saalkreis, besonders in die Archive in Wettin, Krosigk und Giebichenstein. Als Jüngling legte er sich spartanische Zucht auf. Über seiner Tür stand "Nichts bedürfen ist göttlich". Er genoss Brot und Salz und Wasser zu Abend. Er unternahm Wanderungen ohne einen Pfennig Geld in der Tasche, so dass er nirgends einkehren konnte. Wandern war für ihn die schönste Schule für Körper und Geist. Jegliche Art von übermäßigem Lebensgenuss und Verschwendung waren ihm zuwider. Er hielt am einfachen, bescheidenen und zurückgezogenen Leben fest. Von Zeitgenossen wurde er als eitel, mitunter rechthaberisch und sehr selbstbewusst beschrieben. Schultze-Galléras Leben war sehr kämpferisch, auch wenn er sich von der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Er pflegte Umgang mit jüdischen Familien wie z.B. Prof. Cantor. Er selbst war mit einer Jüdin verheiratet. Wahrend der Nazizeit gehörte er zum Wentzel-Widerstandskreis. Drei Tage nach der Machtergreifung Hitlers legte er seine Dozentur an der Universität nieder. Schultze-Galléra werden antisemitische Aul3erungen in drei seiner Werke vorgeworfen. Nach den angelegten Maßstäben wäre auch Martin Luther als Antisemit zu bezeichnen. Genauso mussten wir Karl Marx abschwören. Schultze-Galléra lebte zurückgezogen in der Stille seiner mit Antiquitäten und Büchern vollgestopften 10-Zimmer-Wohnung in der Eislebener Straße. An großen Gesellschaften und Festen fand er keinen Gefallen. Nur für Wanderungen durchbrach er die Abgeschiedenheit. Hier schuf er sein Lebenswerk. Charakteristisch für Schultze-Galléras Arbeitsweise waren der enorme Fleiß und eine einzigartige Findigkeit, mit der er selbst die entlegendste Quelle aufspürte. Auf seinem Grabstein ist eingemeißelt "vir priscus"(ein Mann der alters Art).
 

Schultze-Galléra 's Lebenswerk

Das Schaffen Schultze-Galléra's umfasst 27 Bücher, eine Vielzahl Monografien zur halleschen Geschichte, fast 1000 Artikel für hallesche Zeitungen und Zeitschriften sowie Periodicals. Insgesamt 1064 Veröffentlichungen - ein erstaunliches Lebenswerk.
Bereits als Gymnasiast schrieb er kleine Erinnerungen und Gedichte. Im Laufe seines Lebens lassen sich mehrere Schaffensperioden erkennen. Am Beginn standen literarisch-wissenschaftliche Arbeiten:

bulletMichael. Eine Kaiserbiografie der Zukunft
bulletCharakterbildung, Gymnasium und Staat
bulletAuch Einer. Ein Dank an meine Freunde.

Er verfasste zeitkritische Schriften. Mit Krauß aus Wien gab er eine Sammlung über Volkserotik und Sexualität heraus: "Nichts Menschliches ist mir fremd". Ab 1910 widmete er sich der Geschichte. Es erschienen Arbeiten zum Saalkreis:

bulletGeschichte des Saalkreises
bulletWanderungen durch den Saalkreis
bulletArbeiten über die Dölauer Heide, Petersberg, Wettin und Giebichenstein

Die "Wanderungen durch den Saalkreis" waren die Grundlage für seine umfassende Arbeit auf dem Gebiet der Heimatforschung.
Seine Hauptwerke beschäftigen sich jedoch mit der Stadtgeschichte Halles:

bulletGeschichte der Stadt Halle in 2 Bänden
bulletTopografie oder Hauser- und Straßengeschichte der Stadt Halle
bulletDie Stadt Halle - Entwicklung der Kulturgeschichte von den ältesten Zeiten bis zum 20. Jahrhundert
bulletHäusernamen und Hauswahrzeichen in Halle

Aus der Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Halle entstanden auch einige Werke über die Juden, z. B. "Die Juden zu Halle im Mittelalter".

Schultze-Galléra hat sich große Verdienste um die Aufdeckung der Geschichte und Kulturentwicklung von Halle und Umgebung erworben. In allen seinen Werken wird ein lebendiges Wissensgut vermittelt, aus allen spricht Heimatliebe und Heimatbegeisterung, was in der Gegenwart landauf, landab vermisst wird. Seine Arbeit war Dienst am Volke und an seiner Heimat. Heute gibt es kein Werk vergleichbaren Ranges. Sein Name ist ebenbürtig mit Namen wie Dreyhaupt oder Herzberg. In einer frischen und lebendigen Sprache hat er festgehalten, was er auf Wanderungen und in mühevoller Forschungsarbeit aufspürte. Schultze-Galléra wollte Wandel dokumentieren, Entwicklungen plastisch machen.


Quelle:
D. Schermaul in: Vereinszeitung – Mitteilungsblatt für Mitglieder des Nietlebener Heimatvereins e.V. - Ausgabe Nr. 4 (2005)

Literaturhinweis:
Erich Neuß / Tassilo Schmalfeld: Bibliographie der heimatgeschichtlichen Arbeiten von Dr. Siegmar v. Schultze-Galléra anläßlich der 100. Wiederkehr seines Geburtstages;
In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Gesellschafts- und Sprachwissenschaftliche Reihe; XIII Jg. 1964, Heft 8  S. 521-538;
 

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Stand: 15. Januar 2017